Windhausen (pb). "Der Harz gilt nach Ernst Heinrich von Dechen erprobtem Urteil, seit Anbeginn der Geologie als ein Kleinod unter den Gebirgen der Erde",  so die Feststellung des  großen Harzgeologen K. A. Lossen, die er bereits 1889 niederschrieb.

Weil Windhausen, noch innerhalb des Gebirgsrandes liegend, naturgemäß auch dazu zählt, lädt Ortschronist Manfred Keinert zu einer fotografischen Zeitreise ein. Sie findet ausnahmslos in dem Schaukasten des DorfVereins Windhausen statt. Und genau der steht  am Rande des Rathausparkplatzes der Gemeinde Bad Grund in Windhausen.

Der ist bestückt mit aussagekräftigen Bildern, die zum Verweilen einladen, und das Thema „Geologie“ und auch die  Erdgeschichte verdeutlichen. Sie zeigen unter anderem auf, dass der heute bewaldete Rumpf des Harzgebirges, wie er auch über Windhausen liegt, ein Rest des variskischen Hochgebirges ist, welches sich vor 350 Mill. Jahren in einem weiten Bogen  durch das heutige Europa zog.

Genau dieses Gebirge wurde über viele Jahrmillionen zerbrochen, abgetragen und in die Erdkruste versenkt. Allerdings wurden Gebirgsreste vor 100 bis 20 Mill. Jahren durch die Kollision zweier Großkontinente  erneut empor gehoben. Dazu gehörte auch das Rheinische Schiefergebirge.

„Diese kleine Ausstellung soll aber insbesondere die  wechselnde geologische Geschichte unseres Harzraumes verdeutlichen“, so Manfred Keinert. Eigens dafür hat er eine handschriftliche, gut lesbare Reisebegleitung angefertigt und seinen Fotografien beigefügt.

Andere Bilder wiederum zeigen die durch die Heraushebung des Harzes steil gestellten ehemaligen Meeressedimente auf. Fossilen, Fischabdrücke aus dem Perm, die im nordöstlich vor Windhausen gelegenen Schwarzen Wasser Tal mit verkupferten Fischschuppen gefunden wurden, dürften dem Betrachter aber auch ins Auge fallen.

Wer mehr, als „nur“ Fotos sehen möchte, sollte sich mal auf den Weg zu der oberhalb von Windhausen gelegenen Steinbühel-Hütte machen. Dort steht schließlich  ein Stein, der beim Bau eben dieser Schutzhütte in den Jahren 1977/78 durch den Harzklubzweigverein  Windhausen bei Rodungsarbeiten  in dem angrenzenden  Wald entdeckt und von Karl Rose mit schweren Gerät aus dem Wald  geborgen wurde, um mit den Jahren zu einem markanten Merkmal dieser Harzhütte zu werden.

„Wissenschaftlich betrachtet  ist er eine Dolomitbrekzie (CaMg, CO3, 2.) In diesem Fall Stinkdolomit, da er beim „Anschlagen“ nach Erdölpech riecht, also bitumenhaltig ist. Er entspricht dem Stinkdolomitplateau das südwestlich von Osterode den Harzrand bedeckt“, verrät Keinert.

Schließlich wurde der Harz als abgetragener Rest des sogenannten variskischen Gebirges, das vor 350 Millionen Jahren durch Mitteleuropa aus damals mächtigen Meeressedimenten (Harzer Grauwacke!) aufgefaltet, und  in der langen erdgeschichtlichen Vergangenheit mehrfach von Meeren überflutet.

„So ist auch der Stein vor der Steinbühel-Hütte nichts anderes,  als ein zerbrochener und wieder verbackener Rest (Brekzie) eines Schlamm-Meeressedimentes“.

Der Ortschronist verrät aber auch, dass vor ungefähr 250 Millionen Jahren unser Raum und der weithin abgetragene Harz von einem nordatlantischen Ozean überflutet wurden. Dadurch bildete sich ein tiefes Meeresbecken, das zeitweise von dem offenen Ozean getrennt wurde. Wechselnde Salzwasserzuflüsse und wiederkehrende Verdunstung sowie Eindampfung in einem tropischen Klima, führten zu  Ablagerungen mächtiger Sedimente, die aus dem übersättigten Meerwasser ausgefällt wurden. „Die weithin leuchtenden Gipsberge vor Osterode sind ein Beispiel dafür“. Denn diese bis 200 Meter mächtigen „Sulfatwälle“ wurden an einem untermeerischen Schwellenhang abgelagert. Darüber erfolgte in dem heißen Klima eine weitere Abscheidung von Dolomit.

In einer schlecht durchlüfteten Meerestiefe von vielleicht 200 Meter wurden in dem Dolomitschlamm organische Reste, wie Algen, nicht vollständig gelöst, so das sie als Bitumen noch heute in dem Dolomitstein am Geruch erkennbar sind, daher auch die Bezeichnung Stinkdolomit.

„Hier in Windhausen erreicht er eine Mächtigkeit von 20 Meter“. Die einst auch hier vorhandenen Gips/Anhydrit Ablagerungen sind vollständig gelöst und weggespült worden, so das der darüber liegende Stinkdolomit verstürzt, zerbrochen und durch Calzit und tonige Bindemittel wieder verbacken wurde. „Genau so entstand diese Versturzbrekzie (Brekzie=Trümmergestein) von der Steinbühel-Hütte“.

„Schaut  der Wanderer auf diesen Stein, so schaut er weit, weit auf an- und abflutende Meere sowie in die Zeit als die wandernden Kontinente der Erde noch in dem Urkontinent Pangaea vereinigt waren“.

Bild oben: Ortschronist Manfred Keinert schaut sich den Kasten ans, den er mit vielsagenden Fotos bestückt hat. Foto: Petra Bordfeld

Dieser vor der Steinbühel-Hütte gelegene Stein ist ein Zeitzeuge über Jahrmillionen hinweg. Foto: Manfred Keinert

ERKLÄRUNGEN

Ernst Heinrich Carl von Dechen: Ernst Heinrich Carl von Dechen, genannt Heinrich, (25. März 1800  - 15. Februar1889) war Professor für BergbaukundeGeologe und auch ein  Erfinder.

Harzgeologe Karl-August Lossen: Der Geologe und königliche Landesgeologe in Berlin (1866-1893) schuf als sein wichtiges Werk die geologische Übersichtskarte des Harzes im Maßstab 1:100 000.

Urkontinent Pangaea: Pangaea existierte als zusammenhängende Landmasse vor etwa 300 bis 150 Millionen Jahren (Karbon bis Jura), also in dem Abschnitt der Erdgeschichte, in dem sich das große Massenaussterben am Ende des Perm abspielte und sich die Dinosaurier entwickelten. Die kontinentale Ausdehnung Pangaeas betrug einschließlich der Schelfsockel rund 138 Millionen km², wovon 73 Millionen km² auf den südlichen Bereich mit dem ehemaligen Großkontinent Gondwana entfielen

Schwarzes Wasser Tal: Es liegt am nordwestlichen Dorfende und folgt dem Bach "Schwarzes Wasser". Schwarzes Wasser bedeutete, dass die  Quelle des Baches in einem moorigen, morastigen Gebiet lag. Das Schlungwasser in Windhausen  hieß im Mittelalter "Weißes Wasser", was klares, sauberes Wasser bedeutet.