Das inzwischen sechste Jahrbuch des Heimatchronisten Bodo Biegling ist der Nachdruck einer fast unbekannten Chronik von Otto Dörge, und gibt einen Einblick in die Zeit von 1900 bis 1956

Gittelde (hn). Wer zu der Zeit noch nicht gelebt hat, kann sich wahrscheinlich nur ansatzweise vorstellen, wie das Leben der Bevölkerung Anfang des 20. Jahrhunderts und in den beiden Weltkriegen gewesen sein muss.

Umso wichtiger ist es, dass Berichte und Schilderungen aus dieser Zeit nicht ins Vergessen geraten und erhalten bleiben. Deshalb hat jetzt der Heimatchronist Bodo Biegling in diesem Jahr mit Zustimmung des Gittelder Ortsrates in seinem inzwischen sechsten Jahrbuch eine fast unbekannte Ortschronik aus dem Jahr 1956, die von dem bekannten damaligen Ortschronisten Otto Dörge verfasst wurde, veröffentlicht.

In dieser bereits als historisch zu bezeichnenden Chronik berichtet der damalige Ortschronist Otto Dörge ausführlich über Ereignisse in Gittelde, die sich während den dunkelsten Zeiten in der deutschen Geschichte ereignet haben. Wie etwa über das Leben um die Jahrhundertwende, als die Menschen noch bescheiden und unberührt vom großen Weltgeschehen im Dorf lebten und zum Beispiel ein Lehrer mit monatlich 60 Mark auskam. Auch über die rasante Geldentwertung berichtet Dörge, als nur noch mit Millionen und Milliarden bezahlt werden konnte, lange Schlangen vor den Geschäften standen und ein Pfund Schweinefleisch 85 Millionen Mark kostete.  „Wir waren Billionäre, aber in Wirklichkeit bettelarm wie nie zuvor“, kommentierte Dörge, der sehr genau auch über den Verlauf des zweiten Weltkrieges in Gittelde berichtet hat. Es sind viele Einzelheiten über die Not der Menschen, Fliegeralarm und Flugzeugabstürze mit Toten zu lesen. Auch hat er detailliert über die Nachkriegszeit geschrieben, insbesondere als der damalige Bürgermeister mutig einen Befehl eines SS-Führers widersprochen und dadurch eine große Katastrophe in Gittelde verhindert hat. Diese wertvolle Chronik liegt bereits seit vielen Jahren als Dauerleihgabe in einer Schauvitrine der Gittelder Heimatstube und wird bei Führungen gerne als „das Juwel“ der Ausstellung bezeichnet. Das Jahrbuch mit 134 Seiten ist ein Nachdruck. Der ursprüngliche Inhalt wurde teilweise neu zusammengefasst und mit einheitlichen Überschriften versehen, auch wurden alte Zeitungsberichte übernommen und der Text gelungen mit vielen historischen Fotos aus der damaligen Zeit ergänzt, auf denen sich vielleicht noch der ein oder andere Gittelder wiedererkennen kann. Nicht nur für die ältere Generation, die diese Zeit bewusst miterlebt hat,  sondern auch für junge Leute, die sich für die Geschichte und Lebensumstände der Gittelder Einwohner im vergangenen Jahrhundert interessieren, ist dieser Band sehr empfehlenswert.

Bodo Bieglings sechster Band „Der Flecken Gittelde – Die Ortsgeschichte von Gittelde von 1900 bis 1956“, geschrieben von Otto Dörge (gestorben 1968), ist ab sofort erhältlich in der St. Barbara Apotheke in Gittelde, in der Geschenkekiste Mike Schmidt in Teichhütte, in der Buchhandlung Tilmann Riemenschneider in Osterode und bei Bodo Biegling (Thüringer Straße, Gittelde), Telefonnummer 05327 / 4801.

 

Eine schöne Tradition: seit inzwischen sechs Jahren gibt der Heimatchronist Bodo Biegling jedes Jahr einen neuen Band zur Gittelder Geschichte heraus, diesmal veröffentlicht er die Chronik von Otto Dörge (Foto: Herma Niemann).

Die handgeschriebene Chronik des damaligen Ortschronisten Otto Dörge hat Bodo Biegling neu zusammengefasst, nachgedruckt und mit alten Fotos versehen. Hier ein Bild einer Kindergartengruppe im damaligen Kindergarten am Ernst-August-Stollen aus dem Jahr 1943 (Foto: Archiv Bodo Biegling).

Vielleicht erkennt sich der ein oder andere Gittelder wieder: Foto der Gittelder Jugend auf Stelzen in der Straße Im Winkel aus dem Jahr 1929 (Foto: Archiv Bodo Biegling).