Badenhausen (pb).  Dass zu Martin Luthers Zeiten Goslar ein „gallisches Dorf“ des Evangeliums in einem erzkatholischen Land war, das machte der frühere Goslarer Propst Helmut Liersch während eines geschichtsträchtigen und mit Humor gewürzten Vortrages deutlich.

Den hielt der Bücherwurm uralter Lektüre auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinden Badenhausen und Windhausen vor einem interessierten Publikum mehrerer Generationen in der St. Martin-Kirche zu Badenhausen. Auch wenn das Thema dieses Abends „Ablass ade!“ lautete, gewährte er aber nicht nur Einblicke in einen historischen Fund, sondern ebenso in die Entstehungsgeschichte der Schatzkammer der Reformationszeit, der Marktkirchen-Bibliothek in Goslar, die ihn und  den Reutlinger Reformationshistoriker Prof. Ulrich Bubenheimer, bereits seit vielen Jahren in den Bann gezogen hat.

Nachdem Pfarrer Thomas Waubke und seine Frau Elke mittels Keyboard und Blockflöte das gar nicht so antike  Lied „Liddle David“ zu Gehör gebracht hatten, entführte der Gast aus Goslar in alte, in vielen Schriften festgehaltene Zeiten.

Die Goslarer Bibliothek an der Marktkirche ist der erste reformatorische Bau Europas. Er entstand 1535, als eine kostbare Ladung Bücher aus Halberstadt in Fässern verpackt, nach Goslar gelangte. In die verfrachtete sie kein anderer, als Andreas Gronewalt, der als Notar für die Erzbischöfe von Magdeburg, Ernst von Sachsen und Albrecht von Brandenburg, fungierte. Denn er mutierte immer mehr zu einem Fan der „Wittenbergischen Nachtigall“, von Martin Luther, und damit zu einem „Krypto-Evangelisten“. Unter dem Dach des Kardinals zogen ihn die Schriften der Evangelisten in den Bann.  Der Besitz lutherischer Schriften war in Halberstadt verboten. So wurden Mönche, die mit reformatorischen Werken entdeckt wurden, nachts überfallen und entmannt. Darum entschloss sich Gronewold, seine Bücher nach Goslasr zu bringen. Darüber freuen sich heute noch die Historiker. Denn die Sammlung enthielt viele wertvolle Ausgaben zum Teil mit handschriftlichen Eintragungen von Philipp Melanchthon.

Die Reformation entzündete sich am Ablasshandel. Dass für den Ablass sogar die Werbetrommel gerührt wurde, sollte nach vielen Jahrhunderten per Zufall offen gelegt werden. Helmut Liesch und Prof. Ulrich Bubenheimer fiel in ihm Archiv ein gedruckter Schatz ins Auge. Ein Buch-Einband ganz besonderer Art: Er bestand aus einem Werbeplakat für den Ablasshandel, der  als „Altpapier“ den Buchdeckel verstärken sollte. War es zu dieser Missachtung dieses Dokumentes gekommen, weil Luthers Kampf gegen den Ablasshandel wirklich Erfolg gehabt hatte? Die Entdeckung erregte großes Erstaunen, sollte aber nicht die einzige dieser Art bleiben, denn es tauchten nach 2016 weitere Dokumente auf. Eines von ihnen war, in  Schnitzel zerrissen, zur Verstärkung eines Chor-Mantels eingefügt und per Zufall entdeckt geworden. Es werden auch in den folgenden Jahren bestimmt noch Fragen und Antworten zum Ablass auftauchen.

In jedem Fall gingen alle nach der musikalischen Verabschiedung seitens Thomas und Elke Waubke mit der Frage  nach Hause, ob nicht vielleicht in irgend einem alten Kleidungsstück oder Buch auch so ein Schatz stecken könnte.

Thomas und Elke Waubke begrüßten die Gäste mit instrumentaler Musik.
Thomas und Elke Waubke begrüßten die Gäste mit instrumentaler Musik.
Propst a. D. Helmut Liersch.
Propst a. D. Helmut Liersch.
Propst a. D. Helmut Liersch legt den historischen Schatz offen dar. Fotos: Petra Bordfeld
Propst a. D. Helmut Liersch legt den historischen Schatz offen dar. Fotos: Petra Bordfeld
Pfarrer Thomas Waubke (li.) im Gespräch mit Propst a. D. Helmut Liersch.
Pfarrer Thomas Waubke (li.) im Gespräch mit Propst a. D. Helmut Liersch.

.